Wozu Poesie in krisengeschüttelten Zeiten?

Wozu Poesie?


Die französische Philosophin Simone Weil gibt uns hierauf eine Antwort: »Das Volk braucht Poesie wie das Brot.« Wozu aber das Volk, der Mensch, das Brot braucht, diese Frage stellt sich nicht. Der Mensch ist ein kulturelles Lebewesen, ein Lebewesen der Künste, ein Lebewesen, das seine Welt, seine Lebenswirklichkeit, interpretieren will. Er braucht das Brot und die Poesie, wie er die Luft braucht. In ihren Frankfurter Vorlesungen zu Problemen zeitgenössischer Dichtung greift die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann das Statement Weils auf und bemerkt dazu: »Dieses Brot müßte zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wiedererwecken, ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können. Wir schlafen ja, sind Schläfer, aus Furcht, uns und unsere Welt wahrnehmen zu müssen.« Und so wichtig das Brot ist, so wichtig ist die Poesie, obgleich sie die Welt nicht zu verändern vermag. Darum geht es ihr nicht, wie es Bachmann in einem Gespräch mit dem Germanisten und Philosophen Karol Sauerland ausdrückt: »Natürlich kann man durch ein Gedicht nicht die Welt verändern, das ist unmöglich, man kann aber doch etwas bewirken, und diese Wirkung ist eben nur mit dem größten Ernst zu erreichen, und aus den neuen Leid-Erfahrungen, also nicht aus den Erfahrungen, die schon gemacht worden sind, von den großen Dichtern, vor uns.«