»Es wird uns nicht einfallen, uns an die Ideenwelt der Klassik zu klammern oder an die einer anderen Epoche, da sie nicht mehr für uns maßgeblich sein kann; unsere Wirklichkeit, unsere Streite sind andere geworden. Wie strahlend auch einzelne Gedanken aus früherer Zeit auf uns kommen, wenn wir sie zu Zeugen rufen, so tun wir es zur Unterstützung unserer Gedanken heute. Es soll uns darum auch nicht einfallen, alles für geleistet zu halten, weil vor 50 und 40 Jahren ein paar große Geister aufgetreten sind. Es hilft nichts, ihnen, als wären sie unsere Fixsterne, noch immer das Denken zu überlassen. Es hilft nicht, sich abzustützen auf das Bewunderungswürdige, das geschaffen worden ist in diesen letzten Jahrzehnten. Daraus zu lernen ist nur, daß wir nicht herumkommen werden um den gleichen gefährlichen Auftritt. Es gibt in der Kunst keinen Fortschritt in der Horizontale, sondern nur das immer neue Aufreißen einer Vertikale. Nur die Mittel und Techniken in der Kunst machen den Eindruck, als handelte es sich um Fortschritt. Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung. Und die verändernde Wirkung, die von neuen Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewußtsein.«

(Ingeborg Bachmann über ›Probleme zeitgenössischer Dichtung‹)

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